Rechtschreibung an der Grundschule – ENTWEDER kreativ ODER richtig?

27. April 2014 3 Von textourette

Bei der Rückgabe eines Tests in einem Nebenfach der Klasse 9 fiel mir neulich nur folgende hysterisch-besorgte Tirade ein:

“Der Inhalt eurer Tests sei mal dahingestellt, aber ganz ehrlich: Eure Rechtschreibung hat mich ERSCHÜTTERT! Ich konnte es echt kaum glauben. Es kann doch unmöglich sein, dass die Mehrheit der Klasse am Ende der 9 im Gymnasium, also kurz vor der Oberstufe KEINEN fehlerfreien Satz schreiben kann?! Und wenn es nur um Flüchtigkeitsfehler ginge… aber teilweise sind die Wörter so bis zur Unkenntlichkeit entstellt und die Sätze inhaltlich so rudimentär, widersprüchlich und leer, dass ich einfach nur schockiert bin! Ich mag euch echt gerne, aber mal ganz unter uns, das geht einfach gar nicht. Ich bin da nicht besonders spießig aber das geht einfach GAR NICHT! Ich sehe euch echt untergehen. Das macht soooo einen schlechten Eindruck in der Oberstufe, Uni, oder auf spätere Arbeitgeber. Die halten euch für komplett blöd!”

Die Reaktion: 50% große Augen, 50% *gähn*

In Fragen der Rechtschreibung ist Deutschland ja sehr speziell. Da gab es diverse Rechtschreibreformen, die dann teilweise revidiert oder nachgebessert wurden. Und da gab es unterschiedlichste Trends in der Vermittlung von Rechtschreibung in den Schulen.

In Abkehr vom furchtbar konservativen ABC und Buchstabieren lernen des “Establishments”, kamen in den 70er Jahren viele Grundschüler in den Genuss der damals propagierten “Ganzheitsmethode” – also Lernen eines ganzen Wortes anstelle der einzelnen Buchstaben. Verzweifelt paukten Eltern damals zu Hause mit ihren Sprösslingen heimlich doch das Alphabet, da sie bei ihren Kindern absolutes Unverständnis beobachteten sie bereits als erwachsene Analphabeten wähnten.

In den 80ern ging es dann zurück zum meditativen Ausmalen von “Os”, Luftschlangenlinien für das kleine “l” und reihenweise “ß” mit Bäuchlein malen um schließlich ein hart erarbeitetes “Fu ruft: ‘Otto, Otto.’ ” zu Papier zu bringen.

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Ist es spießig, auf korrekter Rechtschreibung zu beharren?

Das aktuelle Credo des Schriftspracherwerbs: Die “Anlauttabelle“. Hier finden sich in einer Übersichtstabelle kleiner Blildchen von Äffchen, Bienchen und Elefäntchen die zugehörigen Anfangslaute. Es geht also darum, die Kinder zu befähigen, möglichst von Anfang an Worte selbst verschriftlichen zu können, nämlich anhand der aus der Tabelle zusammengeklaubte Laute. Die Folge: Die Kinder können schon früh inhaltlich altersgemäße Texte verfassen – mit Guerilla-Rechtschreibung.

Das Dilemma: Sollen Kinder von Anfang an richtig schreiben und dadurch inhaltlich auf langweilige, unterfordernde Inhalte à la “Otto ruft Auto” limitiert werden? Oder lieber erst mal kreativ und phonetisch aber “unrichtig” schreiben, dafür aber inhaltlich altersgemäß?

Ich selbst kann mich keinem Extrempol eindeutig zuordnen. Zum Einen leuchtet mir die Argumentation für einen produktionsorientierten Ansatz, anstatt einem zunächst hemmenden Korrektheits-Ansatz ein. Dennoch – die Spätfolgen zeigen sich momentan in besonders verunsicherndem Maße. Nie war die Zahl von Entwicklungs- und Lernstörungen im der Lese-Rechtschreibbereich so groß. Nie zuvor hat eine derartig schwache Rechtschreibung selbst an den Universitäten Eingang gefunden. Einen sehr anschaulichen und scharfsinnigen Einblick in dieses Problem gewährt der Artikel “Sprachnotstand an der UniStudenten können keine Rechtschreibung mehr“.

Viele Kinder haben sich aber so sehr an das Schreiben nach dem Lustprinzip gewöhnt, dass sie einfach nicht die Kurve kriegen.

So äußert sich der Zeit-Kolumnist Harald Martenstein in einem konservativ-humoristisch angelegten Kassandraruf sehr unterhaltsam HIER.

Die deutsche “Gesellschaft für Bildung und Wissen e. V.” spricht gar von einer “Schreibverhinderungsstrategie für ABC-Schützen” und pocht auf das Überdenken aktueller Erziehungstrends:

Wie wäre es (…), wenn man Kinder nicht vor jeder vermeintlichen „Anstrengung“ schützen zu müssen glaubt und ihnen stattdessen zutraut, dass sie nicht nur lernfähig, sondern auch lernwillig  sind, ausdauernd und ehrgeizig? Wie wäre es, sie – statt  „Mühsames“ aus dem Weg zu räumen – im eigenen Können zu unterstützen, mit Muse und Geduld? Und Lob?

In der Tat ist ein Trend unserer Zeit, dem Kind möglichst viel abzunehmen, ihm unangenehmes zu ersparen und Lernziele aufzuweichen. Dass sich in das Zitat allerdings ein Rechtschreibfehler eingeschlichen hat – richtigerweise müsste es Muße statt Muse lauten – scheint auch den Herrschaften von der Gesellschaft für Bildung und Wissen e. V. nicht aufgefallen zu sein 😉