“Moderner Unterricht” durch Smartboards und Tabletklassen? – Don’t believe the hype!

25. Juni 2018 1 Von textourette

Heute habe ich mal wieder so etwas gelesen, “Für 18 Millionen Euro – Große Touch Displays sollen Tafeln in Kölner Schulen ersetzen“, und musste einer kurze Schimpftirade Luft machen, die jetzt auch ihren Weg aufs virtuelle Papier findet.

Ja, ein Smartboard, quasi eine digitale Tafel mit Touchfunktion, macht so richtig was her. Wer damit einige oder besser viele Räume in der Schule ausgestattet hat, der ist sich des Elterninteresses sicher. Smartboards machen Schule wieder “sexy”, versprechen ein “Make your Unterricht great again”. Wo bisher ewiggestrige Korthosenträger und Schlüsselbundwerfer ihre sperrigen Tafelanschriebe von lustlosen Pennälern in die Kladden pinnen ließen, so verbreiten Smartboards den Vibe vom heißesten neuen Silicone Valley Startup, wo hippe junge Entrepreneurs dem Erfolg auf den Fersen sind.

Eines ist klar: Kinder lieben Bildschirme – warum also nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden? …denken sich auch Eltern, die ja auch gerne über Smartphones und Tablets wischen und mit gemischtem Gewissen dabei zusehen, wie heftig ihr Kind auf diese Bildschirmmedien anspringt, wenn man es denn lässt. Da ist die Hoffnung groß, das Kind möge doch die Zeit vor dem Bildschirm irgendwie sinnvoll nutzen und es gibt einen intensiven Wunsch nach normativer Anleitung durch die Schule.

Laptop- und Tabletklasse sowie Smartboards, so wird der Öffentlichkeit vorgegaukelt, sind der heilige Gral des zukunftsfähigen Unterrichts. “Per Apple ad astra” sozusagen, um das lateinische Diktum mal der aktuellen Bildungslandschaft anzupassen. Wo nicht mindestens ein Bildschirm im Klassenzimmer zu finden ist, da herrscht nicht etwa Steinzeit, sondern wortwörtlich Kreidezeit.

Nun bin ich bei weitem digital nicht zurückgeblieben, wenn ich das mal so behaupten darf. Und auch in meiner Schule gab es immerhin vier Smartboards, derer ich eines regelmäßig in meinem Oberstufenunterricht nutzen durfte, weil ich mit meinem Kurs per Belegungsplan nun einmal zufällig in solch einen Smartboardraum eingeteilt worden war. Klar, Unterricht am Smartboard macht schon Spaß, einfach, weil es einen Computerdesktop simulieren kann und ich als Lehrer meine heimische Unterrichtsvorbereitung ja auch am Computer mache. Da lassen sich Inhalte einfach zu Hause auf einen USB-Stick ziehen und am Smartboard vergrößert darstellen, im Grunde wie mit einem Beamer. Ist also nicht unpraktisch, vor allem nicht im Oberstufenunterricht, der ja naturgemäß abstrakt und textlastig ist. So kann ich in der Folgestunde die Datei wieder aufrufen und dort weitermachen, wo wir aufgehört haben. Ergebnisse können bei Bedarf den Schülern zugemailt oder sonstwie zur Verfügung gestellt werden. In manchen Fällen ersetzt das also das zeitaufwändige Abschreiben.

Aber mal ehrlich, ein Beamer hätte es auch getan. Wo genau ist der so hoch gepriesene Lernvorteil dieser interaktiven Boards? Und was soll vor allem deren Einsatz in der Unter- und Mittelstufe bringen, außer dass Schüler die Lerninhalte eben farbig und unter Umständen auch animiert vorgesetzt bekommen?

Sorry, aber Smartboards sind eine Blender-Technologie und werden fälschlicherweise als Medienkompetenzschulung oder nachhaltigeres Lernerlebnis gefeiert! Mein Fazit nach mehreren Jahren Einsatz: die können nichts sinnvolles, was ein ganz normaler Overheadprojektor, eine Tafel oder ein Beamer nicht kann. Außer eben vom Wesentlichen ablenken. Das beste Beispiel sehen wir schon im Titelfoto des eingangs zitierten Artikels. Die Aufgabe ist hier offensichtlich, die Keimstadien der Tulpenzwiebel in die richtige Reihenfolge zu bringen. Da können ebensogut Folienschnipsel angeordnet, oder Bildchen nummeriert werden. Wo ist da der Lernvorteil des Smartboards bitte? Ok, man muss den Krempel nicht auf Folie kopieren… nice!

Wenn ich von meiner eigenen Erfahrung mit Smartboards berichten darf wird damit konkret folgendermaßen gearbeitet:

  • sie werden als Beamerersatz  für Videofilme und Präsentationen gebraucht
  • sie werden als Tafelersatz gebraucht und schlichtweg mit dem “digitalen Stift” ein ganz normaler Tafelanschrieb darauf gemacht
  • es gibt eine bestimmte kostenpflichtige Smartboard Software, für die man als Lehrer eine Jahreslizens kaufen kann, um sich das Programm auf den heimischen Rechner zu laden und damit Unterrichtsstunden zu gestalten. Dort könnte man z.B. Grafiken erstellen oder Drag&Drop Aufgaben machen, also solche, wo man ein Ding dem anderen zuordnet. Dies ist aber recht aufwändig und bietet unterm Strich wenig Mehrwert, so dass man damit dauerhaft kaum arbeiten mag. Viel schneller geht es, eine Folie zu beschriften und diese in der nächsten Stunde wieder aufzulegen. Abgesehen davon kauft man ohnehin schon genug Krempel für die Schule aus eigener Tasche.
  • die Smartboards laufen alle mit Windows und auch die entsprechenden Programme gibt es nur für Windows. Viele computeraffine Kollegen arbeiten zu Hause mit Macs. Somit ist die Smartboardsoftware schon mal raus und man beschränkt sich auf Windows-kompatible Dateiformate oder gleich auf Onlineinhalte.
  • zugegebenermaßen könnte ich mir vorstellen, dass z.B. in Mathematik Kurvendiskussionen, Vektoren oder Geometrie ganz anschaulich auf einem Smartboard dargestellt werden könnten. Ich anderen Fächern jedoch sehe ich den konkreten Vorteil nicht.

Unterm Strich sehen die Lerninhalte einfach etwas schicker und moderner aus und  die bunte und potenziell bewegte Darstellung schindet gerade bei jungen Schülern größten Eindruck. Ein begünstigtes Lernen gibt es jedoch weder auf das Unterrichtsfach noch auf den Medienumgang bezogen.

Natürlich muss unterschieden werden zwischen den Begriffen “Medienkompetenz” und “Digitalisierung”. Ich bin ein großer Fürsprecher für jedwede Art der Medienkompetenzschulung, sofern sie auch wirklich darauf hinausläuft, das kritische Auge und die Urteilskompetenz der Schüler in dieser Hinsicht zu schärfen. Medienerziehungsunterricht ist jedoch leider viel zu oft “Infotainment”. Also ein paar Youtubeclips anschauen, eine lustig blinkende aber inhaltlich ziellose Powerpoint Präsentation durchführen oder ein bisschen Betroffenheitsgelaber über Mobbing in sozialen Netzwerken und Whatsappgruppen.

Kurzum, ja, Medienerziehung muss NATÜRLICH einen prominenten Platz in der Schule haben. Sogar sehr dringend. Ebenso hat natürlich das Fach Informatik einen immer größeren Stellenwert. Unbedingt erstrebenswert ist auch der Aufbau von soliden Kompetenzen im Umgang mit Anwendersoftware wie z.B. herkömmlichen Officeprogrammen. Ist ja schlimm, wenn ein Fünfzehnjähriger kein Worddokument aufsetzen kann oder etwa eine Email schreiben (nein, das können die meisten Fünfzehnjärigen tatsächlich nicht… echt jetzt!!!). Aber Smartboards und Tablets in jedem Fach und jeder Altersklasse? Wozo? Sicher nicht zum nachhaltigeren Lernen von Fachinhalten und auch nicht um Geschwader von zukünftigen Hackergenies heranzuzüchten.

Vor allem bedeutet die Technologie einen Reibach für die Entwickler der Hard- und Software. Den Lernvorteil, von dem uns ein geschicktes Marketing überzeugen will, gibt es meines Erachtens nach nicht.

Welche Faktoren den Lernerfolg wirklich beeinflussen, darauf wurde in der großen Metastudie ““Visible Learning – Lernen sichtbar machen”von John Hattie 2008 eine Antwort gegeben. Kleiner Spoiler: maßgeblich am Lernerfolg beteiligt ist die Lehrerpersönlichkeit. Bleibt abzuwarten, ob in den nächsten Jahren nicht dennoch vielleicht “Siri” und “Alexa” den Unterricht leiten. Marketing machts möglich.


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